Seifenblasen am Bistrotisch

Du sitzt mir gegenüber.

Wir sind einander zugewandt.

Ein Schmunzeln umspielt deinen Mund.

Du lässt mich nicht aus deinen seegrünen Augen, in denen ich mir selbst beim zerknistern zusehen kann.

Bei jedem Wort, das über meine Lippen kommt, rückst du näher, Zentimeter um Zentimeter.

Dann lässt du los –

verlässt deinen Platz.

Und schwebst als Seifenblase auf mich zu.

Tänzelnd, ja fast übermütig erkundest du die neue Freiheit.

Bis du schließlich auf meinem Milchschaum zerplatzt.

In dem Café mit den kleinen Bistrotischen.

Zelttempel

Der Herbstwind hat unser Zelt zum Einsturz gebracht.

Ich dachte, es wäre ein Tempel. Ein Tempel mit festem Fundament?!

Gebaut von uns beiden zwischen den Hügeln der Stadt.

Ein Ort der Leichtigkeit, an dem Augen funkeln und die Seele tanzt.

Ein Ort der schöpferischen Kraft, an dem wir Dichter und Liebende sind.

Ein Ort des Friedens, an dem kein Platz ist für Sorge und Schmerz.

Diesen Ort gibt es nicht mehr.

Kaum waren die langen Tage Geschichte, warst es auch du.

Nur ein Moment, kaum ein Sturm, mehr eine Böhe, brachte die Dunkelheit.

Wenn der Wind sich dreht, kehrst dann auch du zurück?

Mein Feuer ist noch längst nicht erloschen.

Es kann uns im Winter wärmen –

wenn wir den Tempel aus den Trümmern zerbrochener Herzen wieder errichten…

Ich möcht‘ dich gern in meinem Garten pflanzen

Ich möcht‘ dich gern in meinem Garten pflanzen.

Dein Beet bereiten und dich dort verwurzeln.

Hüter deiner Blüte sein und deinen Schlaf bewachen.

Dich besuchen und still bewundern.

Dich behutsam berühren und stetig umsorgen.

Dich pflegen und riechen, wann immer ich will.

Dein Wachstum aus der Nähe betrachten.

Dein Gärtner sein, dich ewig erhalten.

Du darfst dir selbt dein eigenes Plätzchen wählen.

Nur möcht‘ ich zum Morgengrauen bei dir sein.

Schreibseligkeit

„Vielleicht ist das das Paradies: der eigene Schreibtisch oder das Schreiben selbst.“

So steht es auf der Fensterscheibe eines Kaffeehauses in der Salzburger Altstadt, an dem ich an diesem verregneten Januarmorgen zufällig vorbeispaziere. Ausgesprochen hat das so wohl die österreichische Schriftstellerin Margret Kreidl.

Ob es am Jahreswechsel liegt, an dem kleinen (aber starken) Einspänner am Nachmittag oder aber am Blauen Zweigelt, der neben mir steht während ich das prasselnde Kaminfeuer in der heimeligen Unterkunft in den Bergen beobachte: ich fühle mich „angezündet“, voller Freude und Energie, diese Zeilen zu schreiben und so das Zitat und meine Gedanken und Gefühle dazu noch weiter zu verarbeiten.

Fakt ist: Kreidls Worte haben mich mitten ins Herz getroffen.

Das Paradies, das ist laut Duden (bzw. nach dem Alten Testament) „eine Stätte des Friedens, des Glücks und der Ruhe“, ein Ort, an dem man sich gerne aufhält, an dem man selig ist. Für mich war und ist der Schreibtisch schon immer mein „Happy Place“, mein kleines Paradies, an dem ich Ruhe finde, meinen Gedankenbrei sortiere, und wo auch damals, im November 2015, der erste Blogbeitrag entstanden ist.

Es ist aber nicht nur der Ort, den bei mir in erster Linie ein mit grünem Samt bezogener Stuhl und ein alter Holztisch kennzeichnen, sondern es ist dieser Zustand, den ich beim Schreiben erreiche. Ich finde Ruhe und Halt. Tanke Kraft. Alles darf sein. Mir geht es gut…

Aber Moment.

Manchmal kostet mich die ganze Schreiberei auch ziemlich viel Kraft. An meinem Schreibtisch habe ich schon viele Teile meiner Gefühlswelt kennengelernt – viele davon waren nicht sehr angenehm. Von paradiesischen Zuständen kann hier nicht die Rede sein. Doch eigentlich sind doch Schmerzen und unangenehme Gedanken im Paradies nicht vorgesehen, oder? Also was jetzt: ein Paradies mit Einschränkung?

Ich denke nicht. Denn vielleicht ist Frau Kreidls Zitat etwas anders zu verstehen: Ob mit Füller, Bleistift, auf einer Tastatur oder auf Papier. Das (am Schreibtisch) geschriebene Wort ist immer irdisch. Denn dahinter stecken menschliche Gedanken und Gefühle, die manchmal auch ziemlich schmerzhaft sein können. Doch dieser Schmerz ist endlich. Ebenso wie die Seiten des Briefes, dieser Blogartikel oder das Buch, das geschrieben wird.

Das, was daraus entsteht, ist jedoch grenzenlos.

  • Im Großen: Wenn man Glück hat, erreichen die Worte eine ganze Menge Herzen und Seelen und werden dadurch verewigt.
  • Im Kleinen: Für einen selbst, und das gilt auch für mich, ist das Schreiben heilsam. Es lässt einen wieder zu sich finden, indem Gedanken beruhigt werden und man mit ihnen Frieden schließen kann. Man fühlt sich danach leichter.

So ist das Schreiben möglicherweise eine Tür zum Paradies.

Eine Tür zur Schreibseligkeit, die sich manchmal auch hinter einer Fensterscheibe eines Salzburger Kaffeehauses versteckt…

Der Spannungsbogenakrobat

„Ich küsse dich in Gedanken aufrichtig, in Wirklichkeit wäre es mir lieber.“

… schreibt der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer im Herbst 1823 in einem seiner sehnsuchtsvollen Briefe aus Tschechien an seine Katty (Katharina Fröhlich).

Diese wundervolle Karte von Paulina Gimpel war für mich nicht nur ein Anlass, um ein wenig zum (Liebes-) Leben von Franz Grillparzer zu recherchieren. Sondern mich (und vielleicht ja auch euch?!) daran zu erinnern, welch große Wirkung eine kleine Schreibtat, wie das Versenden von Kärtchen und Briefpost, entfacht. Nicht nur beim beglückten Empfangenden, sondern auch beim Sendenden, der sich allein an dem Gedanken erfreuen kann, wie nah er einer Herzensperson durch das Schriftstück, das er auf die Reise schickt, kommen kann. Gerade dann, wenn ein richtiger Kuss eben gerade nicht drin ist…

Grillparzer arbeitete zum Zeitpunkt seines Briefes an Katty einige Monate als Angestellter des damaligen österreichischen Finanzministers Graf Stadion in der mährischen Stadt Jemnice. Katty war währenddessen in Wien. Franz und Katty waren zeitlebens einander verfallen – obwohl sie nie heirateten und oft räumlich voneinander getrennt waren. Sie „glühten, aber sie schmolzen nicht“.

Grillparzer sei unentschlossen gewesen. Doch er war zweifellos, wenn nicht sogar rasend, verliebt.

Und er schaffte es mit einfachen Mitteln (wie Worten auf Papier) die Dramaturgie des Begehrens bis hin zum lang ersehnten Kuss zu perfektionieren. Ein wahrer Spannungsbogenakrobat.

Ob ihr nun glüht, dahinschmelzt oder schon mit ganzer Flammer brennt – tut es dem Herrn Grillparzer gleich und zaubert ein paar Worte der Zuneigung dahin… …und wenn es nur zum Valentinstag ist….<3

– – – – – – – Mit den Neuigkeiten bin ich zu Ende, aber nicht mit der Bitte, mir recht bald zu schreiben, viel, lieb, gut, kurz alles, womit Sie so glücklich machen

Ihre

Katty.


Briefwechsel zwischen Franz und Katty: https://www.projekt-gutenberg.org/antholog/liebesbr/chap056.html

Brezel vs. Brei… oder doch Brezelbrei?

Ich gebe es zu: eine ehrliche (schwäbische) Laugenbrezel, frisch mit Butter beschmiert… das ist ein Frühstück für das ich mich ähnlich stark begeistern kann, wie für eine Schüssel warmen Brei. Bin ich deshalb jetzt eine Brei-Betrügerin? Bin ich meiner großen Liebe untreu geworden?

In dem Fall lasse ich kein „entweder oder“ zu und plädiere für einen offeneren Umgang mit der Breiliebe. Warum sich entscheiden, wenn man beides haben kann?

Um die Skeptiker unter euch zu überzeugen, möchte ich kurz ausholen:

Früher kaufte mein Papa für meine zwei kleinen Schwestern und mich am Neujahrsmorgen eine große, süße Neujahrsbrezel. Wir haben das traditionell badische Hefeteiggebäck, das als Glücksbringer gilt, zusammen feierlich in einer Art Ritual am Küchentisch verspeist, indem wir einzelne Stückchen abgezupft und diese in einer dampfenden Tasse „Kaba“ (ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der ausschließlich der Markenname für Instant-Kakaogetränke genutzt wird) versenkt haben. Wir badeten die Stücke so lange in der heißen Flüssigkeit, bis sie mit Kaba durchtränkt und ganz schwammig waren, sodass wir nach kurzer Zeit delikaten, zähen „Brezelbrei“ löffeln konnten. Bereits damals gelang uns dadurch schon die perfekte Verschmelzung von zwei auf den ersten Blick doch recht verschiedenen Leckereien.

Außerdem starteten wir somit ganz unbewusst mit einem alten russischen Brauch ins neue Jahr. In der Nacht vom 13. auf 14. Januar feiert man dort, oft zusätzlich zu Silvester, das „Alte Neue Jahr“, welches nach dem Julianischen (alten) Kalender nämlich 13 Tage nach der Gregorianischen (neuen) Zeitrechnung beginnt.

Einer der bekanntesten Bräuche ist in diesem Zusammenhang das „Brei lesen“. Man kocht einen Brei, lässt ihn abkühlen und nimmt ihm dann die Haut ab *kurzer Ekelmoment meinerseits*. Wenn er darunter eher rötlich und grobkörnig ist, darf man sich auf ein glückliches Jahr freuen. Ist er eher blass und kleinkörnig, dann sollte man sich auf ein paar harte Monate einstellen und den schlechten Brei schleunigst in den nächsten Fluss kippen…

Indem meine Schwestern und ich weder mit dem Kabapulver noch mit dem Hefeteig besonders sparsam waren, erfüllte, nein, übertraf unsere rötlich-bräunliche grobstückige Brezelbreikreation somit stets die Kriterien für ein glückliches Jahr; wobei wir es natürlich nie soweit haben kommen lassen, dass sich eine Haut über dem Kababrei bilden konnte. Versteht sich von selbst.

Auch wenn ich bisher noch keine Laugenbrezel in Kaba getunkt habe, so dürfte die Message dennoch durchgesickert sein: sowohl der Brei als auch die Brezel sind international anerkannte Boten der Glückseligkeit und sollten daher koexistieren. Der maximale Glücksrausch kann jedoch nur in der Kombination beider Komponenten erreicht werden, was zumindest an Neujahr in der beschriebenen Form des „Brezelbreis“ zelebriert werden sollte. Probiert es aus 🙂

Ich kann jedenfalls rückblickend behaupten, dass uns das Brei’ische Glücksorakel nie im Stich gelassen hat. Und mein Papa, der uns immer zuverlässig mit Brezelnachschub versorgt hat, auch nicht. <3

Gedankenbrei.

Dem Einheitsbrei wurden auf diesem Blog schon einmal ein paar Worte gewidmet.

Im Gegensatz zu diesem öden Zustand, in dem es „Zu viel vom Gleichen“ gibt und man sich nach etwas mehr Aufregung, nach einem Durchbrechen von Mustern sehnt, kommt der Gedankenbrei ein wenig wie der Gegenpol zum Einheitsbrei daher. Er ist laut, wirbelig und kostet ganz schön viel Energie.

Daraus erwächst das Bedürfnis, sich zu sortieren, den Brei einmal in seine Bestandteile zu zerlegen und die Zutat herauszufinden, die dem Brei einen möglicherweise bitteren Beigeschmack gibt, ein flaues Gefühl in der Magengrube hinterlässt und welche die ansonsten recht ausbalancierte Mixtur merklich stört.

Auf Basis dieser Erkenntnis kann die Rezeptur dann angepast werden. Diese Modifikation zaubert einem vielleicht noch keine durchgestylte Hipster-Bowl auf den Tisch, aber immerhin kann man sich auf ein gut verdauliches Schüsselchen voll wärmender, neuer Energie freuen.

In letzter Zeit denke ich oft darüber nach, ob es mir beim Brei, dem ich unter anderem diesen Blog gewidmet habe, eigentlich (noch) um den essbaren Brei geht. Oder aber ob mittlerweile Gedankenbrei und dessen Verarbeitung nicht viel mehr der Kern des ganzen Projektes ist.

Das Schreiben (z.B. von Briefen) wird dann zum Medium, das dafür bestimmt ist, diesen „Gedankenbrei“ aufzulösen.

Die Gedanken sind Brei. Doch Schreiben bringt Klarheit.

Das gilt zumindest schon immer für mich…

Und wie ist das bei euch? <3

Wie der Brief dem Virus trotzt

Der Brief, das Kärtchen, persönliche Worte auf Papier….Nähe und Beistand per Post verschickt.

Eine einfache und gleichsam robuste Form der Zuneigung, die in Zeiten wie diesen, in welchen so viele von uns eine Umarmung (und so viel mehr) bitter nötig hätten, jeglichem Infektionsrisiko trotzt und doch so wirkungsvoll ist…

Eine tolle Inspiration von unserer Bundeskanzlerin! <3 Ich bin definitiv auch dafür, wieder mehr Briefe zu schreiben!

Bleibt alle gesund, achtet auf euch und auf die Gesundheit anderer!

Eure Iris

 

Jedes Papier war mal ein Brei…

…was so simpel und einleuchtend klingt, lag für mich bis zum heutigen Maimittwoch alles andere als auf der Hand. Zumindest hab ich mir so noch nie darüber Gedanken gemacht. Und dann kam T.R. und hat das, was mir für mein Seelenheil so wichtig ist und doch in keinem Zusammenhang zueinander zu stehen schien, mit einem Satz auf wundersame Weise miteinander verschmolzen- zu einem Papierbrei sozusagen.

Ohne Brei- kein Papier. Da haben wir es. Der Brei als „Grundzutat“ für den Nährboden des geschriebenen Wortes. Ohne Brei keine Briefe und erst recht kein „Brei und Brief“.

So einfach ist das! Gute Nacht, ihr lieben Breiprinzessinnen und Papierritter da draußen. Bleibt der Schreiberei stets treu, denn sie hält gedankliche und persönliche Abenteuer für euch bereit, die ihr euch nie hättet erträumen lassen…

Post aus der Vergangenheit

Post aus der Vergangenheit

Stell dir vor, du findest einen Brief aus vergangenen Zeiten

Vergilbte Seiten, verblassblaute Tinte

Zwischen den Zeilen schüchterne Verlegenheit.

Stell dir vor, du schreibst einen solchen Brief

Nimmst dir die Zeit und verleihst mit Worten

Vergangenem Lebendigkeit.

Stell dir vor, du schickst deinen Brief danach auf eine Reise zu mir—

Dann werden tiefblaue Worte auf Papier,

Zeugen dieser Besonderheit.